Von Tampons, Prototypen und Demokratie

Mit demokratie.io begleiten wir Civic-Tech Projekte, die mit der Entwicklung verschiedener Tools die Demokratie für das digitale Zeitalter fit machen wollen. Was erstmal einfach klingt, ist keineswegs trivial. Denn was heißt eigentlich digitale Demokratie? Was braucht es, damit diese funktioniert? Diese Fragen begleiten uns nunmehr seit fast zwei Jahren, und wir haben dabei vor allem gelernt, das es nicht die eine Antwort darauf gibt. 

Genau hier setzen wir an: Im Mittelpunkt steht der gemeinsame Weg. In Austausch kommen, voneinander Lernen und Perspektiven miteinander teilen.

Im August trafen wir uns deshalb mit den diesjährigen Gewinner-Projekten für den zweiten Workshop des Jahres. Die Idee: Schauen wo wir stehen, wie die Projekte laufen und was mögliche Zukunftspfade sind. Und natürlich auch dieses Mal präsent: Was braucht die (digitale) Demokratie von morgen?

Einstieg gefällig?

Na dann los – und danke dafür an Ann-Kathrin! Mit ihrer für heute ausgetüftelten Meta-Session zum Thema “Inklusive Diskussionskultur” kamen wir schnell ins Denken. Ausgangsfrage:

Was brauchen wir um inklusive Diskussionen zu fördern? 

In Gruppen steckten wir unsere Köpfe zusammen und flux waren allerhand Flipcharts beschrieben: Mit Ideen zum perfekten Raum, zu wünschenswerten Verhaltensweisen der TeilnehmerInnen bis hin zu Aufgaben, die der Moderation zufallen.

Ein kleines Best der Vorschläge: 

 

  • präsent sein, Vibes spüren und Ego zurückstellen (TeilnehmerInnen)
  • Leute aktiv einladen und im Zweifel Redelimits einfordern (Moderation)
  • räumliche Nähe zwischen Publikum und Vortragenden (Raum)


Nun aber zur Kür des heutigen Tages: Den Roadshows.

Alle TeilnehmerInnen gewährten uns Einblick in die Entwicklung ihrer Projekte, reflektierten Gelungenes und bedauerten Momente des Scheiterns. Durch die Bank stand die Frage im Zentrum, wie es denn nun eigentlich weitergehen kann. Funktioniert unsere Idee gut genug? Braucht die Welt unser Tool? Wo finden wir eine Anschlussförderung?

WeLobby

Bei WeLobby hakelt es gerade, da macht Jan keinen Hehl draus. Aber ok – Scheitern als Chance, Hashtag failosophy, failfast und so weiter. Weiter weiterkommen will, muss auch mal hinfallen. Die erste Kampagne lief nicht wie erhofft – trotz großer Aufmerksamkeit für das Thema – Senkung der Mehrwertsteuer für Tampons – konnte nicht genug Geld gesammelt werden, um in die Lobbyarbeit zu starten.

Woran liegt’s? Tja, sicher wissen sie es natürlich nicht. Möglicherweise ist Lobbyismus zu negativ konnotiert, vielleicht ist Crowdfunding der falsche Finanzierungsweg für so ein Thema. Die nächst Kampagne wird es zeigen.

 

Tracemap

Tracemap baut Feature um Feature, führt Gespräche mit der Zielgruppe ihres Tools (Fact-Checker) und steht in unterschiedlichen Kooperationen und Kollaborationen. Ein großer Schritt war die Entscheidung, sich mit WorldBrain zusammen zu tun, mit denen sie jetzt an dem Meta Content Modell “Memex” arbeiten. Das ist eine Browser-Extension für kollektives Wissensmanagement. Die Vorhaben der nächsten Monate? User Research, User Research und nochmals User Research…

Ezra 

Mit Ezra entsteht gerade ein Spiel, dass junge Menschen motivieren soll, sich politisch zu beteiligen. Der Prototyp ist bereits fertig, yeah. Doch Max, Projektleiter von Ezra,  kommt schnell zum Punkt: Das Thema “Politische Partizipation ist für 9 bis 12-Jährige oftmals tröge“. Schnell hat sich herausgestellt: Die Professionalität des Produktdesigns ist äußerst wichtig, wenn das Spiel ernst genommen werden soll. Weitere Hürden ergen sich aus dem spezifsichen Einsatzziel des Spiels: die Schule. So muss sich stets unkompliziert und schnell eingeloggt werden können, es muss kostenlos sein und der Spielverlauf muss linear sein, damit die Schüler immer wieder an der gleichen Stellen einsteigen können.

DeCIDe

Auch das DeCiDe-Team hat seinen Prototyp fertiggestellt und berichtet stolz, dass alles funktioniert, wie es soll. Die App ermöglicht es per Zufall ausgewählten TeilnehmerInnen Abstimmungen zu politischen Fragen durchzuführen. Die Kernstücke der App bilden zwei Funktionalitäten: die elektronische Identität (eID) zur Verifikation der Teilnehmenden einer Abstimmung sowie die algorithmische Umsetzung des Losverfahrens. Bisherige Learnings: Es muss einfach und leicht zu bedienen sein. Deshalb findet alles in der App statt: Verifikation, Wahlbenachrichtigungen, Wahlen.

Für die Feuertaufe stand ein groß angelegter Feldtest an: 12.000 Menschen waren aufgerufen zu einer Frage abzustimmen. Das Ergebnis: Von 53 angemeldeten Personen stimmten am Ende 28 von ihnen auch wirklich ab. Eine nicht wirklich gute Conversion Rate, wenn es so betiteln möchte…

“Es war wohl ein zu großes Ziel für die begrenzten zeitlichen und finanziellen Ressourcen”, sagt Kai Gärtner, Projektleiter von DeCIDe. Ob es nun weitergeht und wer weiter dabei bleibt, hängt davon ab, ob und woher neues Funding kommt.

 

Was gab’s noch?

Und sonst so? Am Nachmittag sprachen wir darüber, was die digitale Demokratie von morgen braucht. Das Ganze in einem Format namens “Conversation Cafe”. Das Spannende daran: Man hat stets nur eine Minute Redezeit und bestimmt dann den oder die nachfolgende RednerIn. So bleiben die Beiträge kurz und knapp und meist sehr informativ. Aber auch die Aufregung stand der einen oder anderen ins Gesicht geschrieben – was sage ich, wenn ich als nächstes an der Reihe bin?

Mit einem sogenannten Troika Consulting rundeten wir den Workshoptag ab. Dabei hatten alle nochmal die Möglichkeit sich konkrete Fragen zu überlegen und sich von je zwei Personen dazu beraten zu lassen. Meist ging es dabei um die eigenen Projekte, und um eine ganz bestimmte Frage: Wie können wir uns in Zukunft finanzieren?

Fazit: Wir hatten einen inhaltsreichen und schönen gemeinsamen Tag. Und schon fühlt es sich wieder wie ein Abschied an, auch wenn er es eigentlich noch nicht ist. Denn im November treffen wir uns alle noch einmal zu unserer großen Abschlussveranstaltung, mit der dann auch zwei Jahre demokratie.io zu Ende gehen.

Für Katja und mich war es heute dennoch ein Abschied. Denn für uns war es war der letzte Tag im betterplace Büro in der Schlesischen Straße. Das betterplace lab findet ihr ab jetzt im bUm – dem neuen Haus für die Zivilgesellschaft im ehemaligen Umspannwerk Kreuzberg. Wir freuen uns schon darauf, Euch dort zu sehen!